Von weichem Sommerlicht beleuchtet, das durch die Milchglasscheiben Ins Innere fällt, steht Georg Korner in der großen Halle. Um ihn herum zweitausend oder mehr modellierte Figuren. Eine Völkerwanderung aus Ton ist da auf dem Sprung. Mit Reisekoffer in der Hand und Entschlossenheit im Gesicht.

Das Künstleratelier des vormaligen Chef-Bildhauers der Berliner Stadtschloss-Fassade beherbergt ein kurz vor der Vollendung stehendes Großprojekt.

Zwölf Jahre lang war der Steinbildhauer mit der Rekonstruktion des umfangreichen barocken Bildprogramms für die Fassade des Berliner Stadtschlosses beschäftigt. Diese anspruchsvolle Tätigkeit erforderte eine intensive Auseinandersetzung mit dem italienischen und nordeuropäischen Barock und der europäischen Bildhauerkunst bis in die griechische Antike zurück.

Diese überwältigende Menge der Aufgebrochenen, Davoneilenden zieht uns in ihren Bann. Ein faszinierender Rhythmus geht durch das gewaltige Werk, das täglich wächst. Insgesamt 2.600 Tonfiguren sollen die beiden Objektgruppen nach ihrer Vollendung im Oktober 2016 umfassen. So ist es geplant.

„Transit“ heißt die Arbeit, angelehnt an Anna Seghers Exilroman, der von Vertreibung und Flucht erzählt. Mit 18 las Korner das Buch und vergaß es wieder. Doch rückblickend hat ihn die Thematik nie wieder losgelassen. Transit – der Übergang.

Der Begriff vermittelt den ganz normalen Ortswechsel über eine Grenze hinweg aber auch die metaphysische Verwandlung des Menschen. Korner hätte auch eine Einzelfigur erschaffen können, einen Transiteur. Doch erst in der Masse der Figuren entfaltet sich die ganze Wucht seiner Botschaft. Transit ist ein Ornament der Hoffnung und des Scheiterns.

Die erste Gruppe von „Transit“ besteht aus 1.600 Plastiken, die sich in einer Anordnung von jeweils fünf mal fünf Figuren mit einer Höhe von etwa 20 cm auf 64 quadratische Felder gleichmäßig verteilen. Die anthropomorphen Statuetten, im leicht nach links eingedrehten Profil, tragen in der rechten Hand einen Koffer und sind im klassischen Kontrapost dargestellt. Das angewinkelte linke Bein deutet eine vorwärtsschreitende Bewegung an.

Die Eile, das Vorwärtskommen-Wollen ist diesen Gestalten sowohl in der Körperhaltung als auch den meisterhaft herausgearbeiteten Gesichtszügen anzusehen. Eine tieftraurige Stimmung liegt über dem ganzen Kunstwerk. Die Sinnlosigkeit des Unterfangens atmet aus der Menge.

Die langen Gewänder der Dahineilenden verschmelzen mit dem quadratischen Plateau, das als Grundfläche für die Anordnung und Ausrichtung der keramischen Plastiken dient. Gefangen in dieser Geometrie versinnbildlichen die Verlorenen das schicksalshafte Paradoxon ihres Seins – die Freiheit der Flüchtigen ist zugleich ihr Fluch.

Korner wählt das strenge Ordnungsprinzip des Quadrates als Grundform zur Komposition seiner Figuren, wodurch das Werk in seiner Konfrontation mit der Vervielfachung einerseits Ruhe und Struktur erhält, andererseits aber auch mit der Unentrinnbarkeit des begrenzten Raumes konfrontiert.

Im Strom des Gleichschritts, Koffer mit sich führend, erwecken die Figuren auch Bilder von den Juden-Deportationen zur Zeit des Nationalsozialismus. Bilder, die sich im kollektiven Gedächtnis nicht nur der deutschen Bevölkerung eingebrannt haben.

Doch Korners Figuren sind anders. In aufrechter Haltung, trotzig ihr Schicksal ertragend, eilen sie entschlossen einem unbestimmten Ziel entgegen. Und dabei steht ihnen allen die Verlorenheit ins Gesicht geschrieben.

Leicht nach vorne gebeugt wie die Passagiere von „Transit“ empfängt Georg Korner, eigentlich Matthias Körner, seine Besucher in der Halle. Wie ein lakonisch lächelnder, verstaubter Riese wirkt er zwischen seinen Figuren.

Eine gewisse Verschmitztheit zeichnet auch den zweiten Teil von „Transit“ aus.

Diese Arbeit soll nach ihrer Fertigstellung aus 999 Einzelfiguren mit einer Höhe von zirka 30 cm bestehen, die in der Gesamtinstallation eine Fläche von 36 Quadratmetern ausfüllt. Ein gewaltiges Bild baut sich jetzt schon vor dem Betrachter auf.

Dicht an dicht, neben- und hintereinander, reiht sich in einer stufenartigen Anordnung im 45-Grad-Winkel ein bizarres Figurenprogramm: Würdenträger, Heilige, Märtyrer und Propheten jeglicher Religionen, Delinquenten der spanischen Inquisition, Stars, Idole und Ikonen der Pop- und Rockkultur, mythologische Figuren, Kämpfer und Soldaten mit Gasmasken, Comic-Helden – wie Batman und Bart Simpson, Burka-Trägerinnen, Riten- und Kultfigurationen, Selbstmord-Attentäter mit Sprengstoffgürtel und dazwischen immer wieder gewöhnliche Menschen. Sie alle befinden sich im Transit, im Übergang von der einen auf die andere Seite. Der Attentäter mit seinem Sprenggürtel, der zum Tode Verurteilte, die Hochschwangere und Batman, der Rächer in der Nacht.

Auch diese Gruppe trägt schwere Koffer und ist in einer etwas nach links ausgerichteten Standbein-Spielbein-Pose arrangiert, die Spannung und Dynamik vermittelt.

Ein grausam-schönes Tableau des Zeitgeschehens ist dieser Teil von „Transit“, der Grandiosität und Entrücktheit vermittelt. Und dabei schalkhaft wie ein Woody Allen-Zitat wirkt: „Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Ich möchte bloß nicht dabei sein, wenn es passiert.“

Es gibt keinen Ausweg für die Flüchtenden. Ihre Bewegung ist Vollkommenheit und Tragödie zugleich. Korner beteuert, dieses Sujet schon seit vielen Jahren in sich zu tragen.

Man sagt, die Gesellschaft benötigt neue Bilder, um über Migration zu sprechen. Voilá – hier ist eines.